„Elsa Asenijeffs ‚Tagebuchblätter einer Emancipierten' — eine fast vergessene Stimme der 1900er"
Wien 1902, ein schmaler Band im Pierson-Verlag: Elsa Asenijeff veröffentlicht die „Tagebuchblätter einer Emancipierten". Ein Re-Reading der frühen feministischen Prosa und ihrer Verfasserin — zwischen Leipziger Kulturmilieu, Beziehung zu Max Klinger und der späten Wiederentdeckung in den 1990ern.
Es gibt Bücher, die zum Zeitpunkt ihres Erscheinens gelesen wurden, dann ein halbes Jahrhundert vergessen waren, und dann — irgendwann, oft ohne große Geste — wieder auftauchen, weil eine Forscherin in einem Antiquariat oder in einem Nachlass auf sie stößt und beschließt, dass es schade wäre, sie noch einmal zu vergessen. Elsa Asenijeffs Tagebuchblätter einer Emancipierten, 1902 im Wiener Pierson-Verlag erschienen, gehört dazu. Der Band war zu seiner Zeit nicht obskur — er wurde rezensiert, er hatte zwei Auflagen, er wurde in Wiener und Berliner Salons verhandelt. Aber er rutschte zwischen den Generationen durch, zwischen dem österreichischen Fin de siècle und der eigentlichen Frauenbewegung der Weimarer Republik, und blieb dort liegen, bis die feministische Literaturforschung der 1990er Jahre ihn wieder aufnahm.
Es lohnt sich, ihn zu lesen. Und es lohnt sich, die Person, die ihn geschrieben hat, mitzulesen — denn ohne die Biographie Asenijeffs erschließt sich der Ton der Tagebuchblätter nur halb.
Wer war Elsa Asenijeff
Elsa Maria Packeny wird am 3. Januar 1867 in Wien geboren. Ihr Vater, Julius Packeny, ist Beamter im k. u. k. Justizdienst, die Familie bürgerlich. Sie besucht die höhere Töchterschule, lernt Französisch, Italienisch, ein wenig Latein. 1890, mit dreiundzwanzig Jahren, heiratet sie den bulgarischen Diplomaten Iwan Johann Nestoroff, geht mit ihm nach Sofia, lebt vier Jahre in Bulgarien. Aus der Ehe stammt eine Tochter. 1895 trennt sie sich von Nestoroff, geht zurück nach Wien, beginnt zu schreiben — unter dem aus dem Bulgarischen geformten Pseudonym Asenijeff, das den eigenen Familiennamen Packeny verdecken soll.
1898 zieht sie nach Leipzig. Hier beginnt die zentrale Phase ihres Lebens: die zwölf- bis vierzehnjährige Lebensgemeinschaft mit dem Maler und Bildhauer Max Klinger (1857–1920). Klinger, in Leipzig der bekannteste Künstler seiner Generation, in den späten 1890er Jahren auf dem Höhepunkt seines Werks (die Beethoven-Skulptur entsteht zwischen 1885 und 1902), ist 1898 zweiundvierzig Jahre alt, sie einunddreißig. Sie wird sein Modell, seine intellektuelle Gesprächspartnerin, die Mutter seiner Tochter Désirée (geboren 1900). Sie ist nicht seine Ehefrau — Klinger wird, in einer Geste, die Asenijeff später nie verwunden hat, 1919 eine andere Frau heiraten. Aber während der Leipziger Jahre ist sie die Frau, mit der Klinger lebt, schreibt, korrespondiert.
In diese Lebensphase fallen Asenijeffs Hauptbücher: Aufschrei. Stimmungen einer Frauenseele (1898), Sehnsucht (1898), Tagebuchblätter einer Emancipierten (1902), Unschuld. Ein modernes Mädchenbuch (1904), Die neue Scheherazade (1913). Daneben Essayistik in der Wage, der Neuen Rundschau, kleineren Zeitschriften.
„Tagebuchblätter einer Emancipierten” — was steht im Buch
Der Band, 178 Seiten in der Erstausgabe Pierson Wien 1902, ist nicht ein Roman im engeren Sinne. Er ist eine Folge von Tagebuch-Einträgen einer namenlosen Erzählerin, die — wie der Titel ankündigt — sich als „emanzipiert” versteht und auf der Schwelle steht, was diese Emanzipation eigentlich heißt. Die Einträge sind kurz, manchmal nur ein Absatz lang, oft aphoristisch zugespitzt. Sie verhandeln drei Themen: die Stellung der Frau im bürgerlichen Heiratsmarkt, das Verhältnis von Liebe und intellektueller Selbstständigkeit, und — das ist der ungewöhnlichste Aspekt — die Frage, ob die Forderung nach Gleichheit zwischen den Geschlechtern eine Forderung nach Gleichartigkeit sein dürfe.
Asenijeff sagt: nein. Sie ist keine Gleichheitsfeministin im Sinne der englischen oder amerikanischen Suffragettenbewegung. Sie ist eine Differenzfeministin avant la lettre — sie argumentiert, dass die Frau ein eigenes intellektuelles und seelisches Idiom hat, dass dieses Idiom nicht in das männliche Idiom übersetzt werden muss, um anerkannt zu sein, und dass die Aufgabe der „Emancipierten” gerade darin besteht, dieses eigene Idiom zu artikulieren.
Eine der oft zitierten Passagen — sie steht auf Seite 47 der Erstausgabe — lautet, leicht gekürzt: „Wir wollen nicht Männer werden. Wir wollen sein, was wir sind, und das, was wir sind, in einer Sprache sagen, die uns gehört.” Die Formel ist nicht originell — Lou Andreas-Salomé hat ähnliches in den späten 1890er Jahren formuliert, Hedwig Dohm hat es 1876 in Der Frauen Natur und Recht schon präziser gefasst — aber sie ist in den Tagebuchblättern in eine emotionale Tonlage gegossen, die sie für das zeitgenössische Publikum lesbar macht.
Das Buch wird auf Anhieb gut aufgenommen. Karl Kraus rezensiert es in der Fackel (Nr. 110, Mai 1902) — sehr ironisch im Ton, aber nicht abweisend in der Sache. Die Neue Freie Presse in Wien bringt eine wohlwollende Besprechung. In Leipzig nimmt Klinger das Buch als Bestätigung der eigenen Position; ein Brief von ihm an den Bildhauer Adolf von Hildebrand (datiert 12. September 1902, heute im Archiv des Klinger-Hauses Leipzig) erwähnt es als „das einzige Buch, das in dieser Sache gerade läuft”.
Die Position im Leipziger Kulturmilieu
Leipzig um 1900 ist nicht Wien, nicht Berlin und nicht München, aber es ist ein eigenes literarisch-künstlerisches Feld. Die Universität ist alt und stark, die Buchstadt — Brockhaus, Insel, Reclam, Kröner, Kurt Wolff ab 1913 — ist das Zentrum des deutschen Verlagswesens, die Leipziger Bugra (Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik, 1914) wird zur größten Buchschau Europas. In diesem Feld bewegt sich Asenijeff als anerkannte Autorin, die zugleich, weil sie nicht verheiratet mit dem Mann ist, mit dem sie lebt, in einer prekären sozialen Position steht.
Sie hält in den Jahren 1903 bis 1914 wiederholt öffentliche Lesungen — in Leipzig, Berlin, Dresden, Wien, Prag. Sie ist Mitglied im Allgemeinen Deutschen Schriftstellerverband. Sie korrespondiert mit Helene Stöcker, der Begründerin des Bundes für Mutterschutz und Sexualreform (gegründet 1905), mit Bertha von Suttner, mit der Wiener Frauenrechtlerin Marianne Hainisch. Ihre politische Position bleibt aber zwiespältig: Stöckers radikale Sexualreform-Linie geht ihr zu weit, der Anschluss an die Sozialdemokratie auch. Sie bleibt, in einer für ihre Generation charakteristischen Weise, eine literarische Einzelgängerin mit feministischer Schreibpraxis.
Der Bruch 1919 und die Internierung 1923
1919 heiratet Max Klinger Gertrud Bock. Asenijeff, die nach Klingers Tod im Juli 1920 zunehmend ohne ökonomische Grundlage in Leipzig lebt, beginnt eine Reihe von öffentlichen Auftritten, in denen sie ihre Beziehung zu Klinger thematisiert — in Vorträgen, in Briefen an Zeitungen, in einem 1922 erschienenen, heute kaum noch greifbaren Band Mein Verhältnis zu Max Klinger. Der Ton wird zunehmend rechthaberisch, dann anklagend, schließlich, in den Augen der Zeitgenoss:innen, erratisch.
Im November 1923 wird Asenijeff von der Stadtverwaltung Leipzig in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen — zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt Dösen, dann in mehrere weitere sächsische Anstalten. Der Befund: „paranoide Reaktion auf Verlusterlebnis”, in den medizinischen Akten der Zeit eine Sammeldiagnose. Sie wird die kommenden achtzehn Jahre, bis zu ihrem Tod am 5. April 1941 in der Heil- und Pflegeanstalt Bräunsdorf, in solchen Einrichtungen verbringen. Schreiben darf sie zeitweise; veröffentlichen kaum.
Aus heutiger Sicht — und in der Folge der Asenijeff-Forschung der 1990er Jahre, vor allem durch die Leipziger Germanistin Vera Viehöver — ist die Diagnose mehr als zweifelhaft. Sie verbindet eine in der Tat schwierige psychische Verfassung Asenijeffs in den frühen zwanziger Jahren mit einer juristischen Konstellation (sie war ohne männlichen Vormund, ohne festes Einkommen, mit einer als skandalös empfundenen öffentlichen Anklage), in der die Einweisung eine soziale Lösung war, keine medizinische. Es ist eines der dunklen Kapitel der Weimarer Psychiatriegeschichte, und Asenijeff ist eine der Namen, an denen es sich exemplarisch lesen lässt.
Die späte Wiederentdeckung
Bis in die späten 1980er Jahre ist Asenijeff in der literaturwissenschaftlichen Standardliteratur kaum zu finden. Die Geschichte der deutschen Literatur (de Boor / Newald, Bände 8 und 9, 1960er und 1970er Jahre) erwähnt sie nicht. Klinkowström/Killy nennen sie in einer Fußnote. Die feministische Literaturwissenschaft der Bundesrepublik der 1970er Jahre konzentriert sich auf andere Autorinnen — Else Lasker-Schüler, Marieluise Fleißer, Anna Seghers, Hedwig Dohm in der Wiederentdeckung.
Die Wende kommt in zwei Etappen. 1989 erscheint, im Verlag Reclam Leipzig, eine Auswahlausgabe der Tagebuchblätter, herausgegeben von Sigrid Damm, mit einem Nachwort, das den Band wieder in die Literaturgeschichte einfügt. Ende der 1990er Jahre folgt die akademische Aufarbeitung: Vera Viehövers Dissertation Elsa Asenijeff. Stationen einer Selbstbehauptung (Frankfurt am Main 1999) ist bis heute die Referenzstudie. Es folgen Tagungsbände, zwei kleinere Werkausgaben, ein Reader. Das Klinger-Haus Leipzig richtet 2003 eine Asenijeff-Sektion ein.
Heute ist das Buch im Buchhandel als Reprint und in einer kommentierten Ausgabe (Reclam, 2010) erreichbar.
Warum noch einmal lesen
Drei Gründe.
Erstens, weil die Differenzfeminismus-Spur, die Asenijeff legt, in der heutigen feministischen Debatte um Care-Arbeit, um geschlechtsspezifische Wissensordnungen, um die Frage nach „weiblicher Stimme” eine Vorgeschichte hat, die selten gelesen wird. Tagebuchblätter ist nicht die theoretisch sauberste Version dieser Spur — Lou Andreas-Salomés Die Erotik (1910) ist präziser, Helene Stöckers Aufsätze sind politischer — aber es ist die literarisch lesbarste.
Zweitens, weil die Biographie Asenijeffs ein dichter Brennpunkt für eine ganze Reihe von Themen ist, die die Periode 1900–1930 ausmachen: die soziale Stellung der „freien Schriftstellerin”, das Verhältnis von künstlerischer Lebensgemeinschaft und juristischer Ehe, die institutionelle Gewalt der frühen Psychiatrie, das Vergessen, das die Weimarer und die NS-Zeit über bestimmte Frauenwerke gelegt hat.
Drittens — und das ist der einfachste Grund — weil das Buch in einzelnen Passagen einen sehr genauen, sehr ruhigen Ton hat, der heute noch trifft. Die Eintragung vom 14. Mai (im Buch ohne Jahreszahl) endet mit dem Satz: „Ich habe gelernt, dass die Stille einer Frau, die etwas weiß, eine andere Stille ist als die einer Frau, die nichts weiß.” Das ist, hundertzwanzig Jahre nach Erscheinen, immer noch ein guter Satz.
Es gibt schlechtere Gründe, ein Buch wieder aus dem Regal zu nehmen.