Heft I · Mai 2026
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Wissenschaft · 11 min

„Emmy Noether in Göttingen — der Habilitations-Skandal von 1919"

Vier Jahre verhandelt die Philosophische Fakultät der Universität Göttingen die Habilitation der Mathematikerin Emmy Noether. Hilberts berühmtes „Die Universität ist keine Badeanstalt" — und was sich danach tatsächlich an der Position der Frauen in der Mathematik geändert hat.

Halb abgewischte Schultafel mit mathematischen Gleichungen in alter Handschrift, gedämpftes Seminarraum-Licht.
— Halb abgewischte Schultafel mit mathematischen Gleichungen in alter Handschrift, gedämpftes Seminarraum-Licht. —

Es gibt in der Wissenschaftsgeschichte Sätze, die zu schön sind, um zur Gänze wahr zu sein. „Die Universität ist keine Badeanstalt” gehört dazu. Er wird David Hilbert zugeschrieben, dem Göttinger Mathematiker, der zwischen 1915 und 1919 für Emmy Noether eine Habilitation in der Philosophischen Fakultät der Göttinger Universität durchzusetzen versucht und dafür mit den nicht­mathe­matischen Mitgliedern derselben Fakultät einen langen, mürben Konflikt austrägt. Der Satz steht in keiner zeitgenössischen Quelle — kein Protokoll der Fakultätssitzung, kein Brief, keine Notiz — sondern erst in den Erinnerungen, die Hermann Weyl und Edmund Landau nach 1933 niedergeschrieben haben, in leicht voneinander abweichenden Versionen. Er ist eine wahrscheinliche Erfindung der Anekdoten­tradition — und das verändert die Geschichte, der er angehört, nicht wirklich. Denn die Geschichte selbst, in ihren dokumentier­baren Stücken, ist scharf genug.

Wer Emmy Noether war, als sie nach Göttingen kam

Amalie Emmy Noether, geboren am 23. März 1882 in Erlangen, ist die Tochter des Mathematikers Max Noether, der an der Universität Erlangen einen Lehrstuhl für Mathematik innehat. Sie wächst in einem mathematisch-jüdischen Bildungs­bürger­tum auf, das die akademische Laufbahn für eine Tochter zunächst nicht vorsieht. Sie besucht das städtische Lehrerinnen­seminar, legt 1900 das Staatsexamen als Lehrerin für Französisch und Englisch ab, kehrt aber sofort, statt eine Schul­stelle anzunehmen, an die Universität Erlangen zurück — als Gasthörerin, denn Frauen sind in Bayern zu dieser Zeit nicht regulär immatrikulationsfähig. 1903 ändert sich die Vorschrift; ab dem Wintersemester 1903/04 ist Noether ordentlich immatrikuliert. Sie promoviert 1907 bei Paul Gordan mit einer Arbeit zur Invariantentheorie.

Acht Jahre lang arbeitet sie danach in Erlangen ohne festes Gehalt, ohne formale Stellung — sie unterrichtet gelegentlich anstelle des erkrankten Vaters, publiziert sieben Aufsätze in der Mathematischen Annalen und im Journal für die reine und angewandte Mathematik, bekommt Reisestipendien, lebt im Elternhaus. Das ist die typische Schwebe-Position, in der eine wissenschaftlich produktive Frau in Deutschland vor 1918 lebt: hoch qualifiziert, akademisch sichtbar, institutionell unsichtbar.

Im Frühjahr 1915 lädt David Hilbert, der zusammen mit Felix Klein die Göttinger Mathematik führt, Noether nach Göttingen ein. Der Grund ist sachlich: Hilbert und Klein arbeiten an der mathematischen Formulierung der Allgemeinen Relativitäts­theorie, die Einstein im November 1915 in Berlin vorlegen wird. Sie brauchen jemanden, der die Invariantentheorie beherrscht — und das ist, nach dem Tod ihres Vaters Max im Jahr zuvor, Emmy Noether wie kaum jemand sonst in Deutschland.

Sie kommt im April 1915 nach Göttingen. Sie wird, ohne Habilitation, ohne Lehrstuhl, ohne Gehalt, eine der wissenschaftlich produktivsten Mitarbeiterinnen der Göttinger Mathematik der kommenden zwei Jahrzehnte.

Das Habilitations-Verfahren 1915–1919

Hilbert versucht im Sommer 1915 zum ersten Mal, Noether zur Habilitation in der Philosophischen Fakultät vorzulegen. Das Verfahren ist juristisch nicht geregelt — es gibt keine ausdrückliche Vorschrift, die einer Frau die Habilitation verbietet, aber es gibt auch keine, die sie erlaubt. Die Praxis vor 1915 ist eindeutig negativ: An deutschen Universitäten hat sich bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Frau habilitieren können. Es gibt einzelne Promovendinnen, einzelne Privat­dozentinnen-Versuche (etwa Lise Meitner, die 1907 in Berlin arbeitet, ohne formale Stellung), aber keine bestätigte Habilitation.

Die Fakultäts­diskussion in Göttingen zieht sich von Sommer 1915 bis Frühjahr 1919 hin — fast vier Jahre. Die Protokolle der Philosophischen Fakultät sind erhalten (Univer­sitäts­archiv Göttingen, Phil. Fak., Sitzungs­protokolle 1915–1919). Zwei Gruppen stehen sich gegenüber: die Mathematiker und Physiker (Hilbert, Klein, Carathéodory, Born, Voigt) für die Zulassung, die Mehrheit der Geisteswissen­schaftler dagegen, mit dem Argument, ein Habilitierter sei zugleich Mitglied des Lehrkörpers und nehme damit, kraft Gewohnheits­recht, an der Universitäts­leitung teil — und das könne keine Frau.

Der berühmte Hilbert-Satz fällt — wenn er gefallen ist — in einer dieser Sitzungen. Die Standard­version: Auf den Einwand, eine Frau könne nicht in den Senat aufgenommen werden, antwortet Hilbert, der Senat sei keine Badeanstalt. Die Variante bei Hermann Weyl (in seinem Nachruf auf Noether, 1935): „Was sich der Senat hier vorzuschreiben hat, ist mir nicht klar. Ich sehe nicht, dass das Geschlecht einer Kandidatin ein Argument gegen ihre Habilitation sein kann. Schließlich sind wir hier eine Universität und keine Badeanstalt.” Es ist plausibel, dass Hilbert etwas in dieser Richtung gesagt hat. Es ist unwahrscheinlich, dass er es in genau diesem prägnanten Wortlaut gesagt hat. Anekdoten lieben das prägnante Wort.

1917 versagt das Verfahren endgültig — der preußische Kultusminister, an den die Fakultät die Frage weiterleitet, lehnt die Habilitation ab. Hilbert findet daraufhin einen Umweg: Er kündigt die Vorlesungen Noethers in der Vorlesungs­ankündigung unter seinem Namen an, mit dem Zusatz „mit Unterstützung von Frl. Dr. E. Noether”. Faktisch hält Noether die Vorlesungen. Sie ist auf diese Weise zwei Jahre lang Lehrende in Göttingen, ohne Lehrbefugnis.

Erst nach der Novemberrevolution 1918 ändert sich die Rechtslage. Der preußische Erlass vom 21. Februar 1919 öffnet die Habilitation grundsätzlich für Frauen. Am 4. Juni 1919 habilitiert sich Emmy Noether in Göttingen, vier Jahre nach dem ersten Antrag. Sie ist nicht die erste habilitierte Frau in Deutschland — Adele Hartmann hatte sich zwei Wochen vorher, am 19. Mai 1919, in München habilitiert — aber sie ist eine der ersten drei oder vier.

Was die Habilitations­schrift enthält

Die eingereichte Habilitations­schrift, Invariante Variations­probleme, ist im November 1918 in den Nach­richten der Königlichen Gesellschaft der Wissen­schaften zu Göttingen erschienen. Auf diesen elf Seiten — mathematisch ist das ein kurzer Aufsatz — formuliert Noether zwei Theoreme, die heute als Noethers Theorem (Erster Satz) und Noethers Zweiter Satz bekannt sind. Beide verbinden Symmetrien einer physikalischen Theorie mit Erhaltungssätzen.

Für eine halb-laien­verständliche Skizze: Eine physikalische Theorie heißt symmetrisch unter einer Operation, wenn die Operation die Theorie nicht ändert. Eine Zeit-Verschiebung (heute und morgen herrschen dieselben Naturgesetze) ist eine solche Operation; eine Raum-Verschiebung (hier und dort herrschen dieselben Naturgesetze) ebenfalls; eine Drehung des Bezugssystems ebenfalls. Noether zeigt: Zu jeder solchen kontinuierlichen Symmetrie gehört notwendig eine erhaltene Größe. Aus der Zeit-Symmetrie folgt die Energieerhaltung; aus der Raum-Symmetrie die Impuls­erhaltung; aus der Dreh-Symmetrie die Drehimpuls­erhaltung. Diese Verbindung war vor 1918 vermutet, aber nicht allgemein bewiesen.

Das Ergebnis ist mathematisch tief und physikalisch fundamental. Es ist bis heute die Grundlage praktisch jeder modernen Theorie­bildung in der Physik — Eichtheorien, Standardmodell, Allgemeine Relativitäts­theorie haben Noethers Theorem als Werkzeug. Hermann Weyl wird 1935 sagen, dass Noether mit dieser einen Arbeit „die Mathematik des zwanzigsten Jahr­hunderts ein gutes Stück voran­geschoben hat”.

Noether selbst hat das Theorem nie als ihr Hauptwerk betrachtet. Ihre eigentliche Schaffens­periode beginnt nach 1920 mit der Aufrichtung der modernen Algebra — Ideal­theorie, nicht­kommutative Algebra, die Sätze, die heute jede Algebra-Vorlesung im Grundstudium kennt. Aber für die Habilitations­geschichte ist es bezeichnend, dass die Schrift, mit der sie die Habilitation erzwingt, zugleich eine der einfluss­reichsten mathematischen Arbeiten des Jahrhunderts ist.

Was sich faktisch änderte — und was nicht

Die Habilitation 1919 macht Noether zur Privatdozentin. Eine Privatdozentin hat das Recht, an der Universität zu lehren — aber sie hat keinen Lehrstuhl, kein Gehalt, kein Einkommen aus der Stellung. Noether lebt in den 1920er Jahren von einem Lehrauftrag, den die Göttinger Fakultät ihr 1923 gewährt — gegen Widerstand, wieder mit Hilberts Insistenz. Sie ist nicht­beamtete außerordentliche Professorin ab 1922, aber ohne reguläre Besoldung. Ihr Status bleibt prekär bis zur Entlassung 1933.

Was sich änderte: Die juristische Schwelle für die Habilitation einer Frau war genommen. Im Verlauf der Weimarer Republik habilitierten sich in Deutschland etwa fünfzig Frauen — die meisten in den Geisteswissenschaften, einige wenige in den Natur­wissenschaften. In der Mathematik blieb Noether bis 1930 die einzige habilitierte Frau in Deutschland.

Was sich nicht änderte: Die institutionelle Position der habilitierten Frau. Ein Lehrstuhl in den Natur­wissenschaften war bis 1945 in Deutschland für Frauen praktisch nicht erreichbar. Ein ordentliches Professoren­gehalt ebenfalls nicht. Die Fakultäts­mitgliedschaft mit Stimmrecht: nicht. Die Aufnahme in die wissenschaftlichen Akademien — die Königliche, später Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin nahm Lise Meitner erst 1949 auf, posthum gewählte Mitglieder gab es nicht — ebenfalls nicht.

Die Habilitation 1919 war eine juristische Öffnung, nicht eine soziale.

Das Ende der Göttinger Jahre und das amerikanische Exil

Im April 1933, in der ersten Welle der „Säuberung” deutscher Universitäten nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933, wird Noether — als Jüdin und als Frau — die Lehrberechtigung entzogen. Sie hält noch einige Monate informelle Seminare in ihrer Wohnung in der Friedländer Weg 57. Im Oktober 1933 geht sie ins Exil an das Bryn Mawr College in Pennsylvania, USA, mit einem einjährigen Lehrauftrag, der 1934 verlängert wird. Im April 1935 stirbt sie in Bryn Mawr, vier Tage nach einer Operation, an einer post­operativen Infektion. Sie ist drei­undfünfzig Jahre alt.

Einstein schreibt am 4. Mai 1935 in einem Brief an die New York Times, der unter dem Titel „The late Emmy Noether” am 5. Mai erscheint: Noether war „das bedeutendste schöpferische mathematische Genie, das seit Beginn der höheren Bildung der Frauen hervor­gebracht worden ist”. Es ist kein typischer Einstein-Satz — er ist zu enthusias­tisch, zu unguarded — und genau deshalb ist er ernst zu nehmen.

Was wir heute aus der Geschichte mitnehmen

Die Habilitations­geschichte Emmy Noethers ist nicht die Geschichte eines Triumphs. Sie ist die Geschichte einer langen, mühsamen, vielfach um den Erfolg betrogenen institutionellen Öffnung, die in einem Moment glückte (1919), aber nicht zur Norm wurde. Vier Jahre verhandelte eine Universität, ob jemand, die das bedeutendste Theorem des Jahrhunderts schon bewiesen hatte, an der Universität lehren dürfe. Sie durfte am Ende — aber nur, weil eine Revolution die Rechtslage geändert hatte, nicht weil die Universität ihre Meinung geändert hätte.

Das ist die nüchterne Lesart. Die anekdotische — Hilbert und die Badeanstalt — ist die freundlichere. Beide Lesarten sind, in ihrem Verhältnis zueinander, das eigentliche Lehrstück. Wissenschafts­geschichte besteht nicht nur aus den Sätzen, die in den Lehrbüchern stehen. Sie besteht auch aus den Sitzungs­protokollen, in denen über die Sätze und über die, die sie bewiesen haben, verhandelt wurde.


Ressort: Wissenschaft §